Algerien´s Stützen gehen dahin

 

 


Der Terrorismus, der seit 1992 an der Tagesordnung in Algerien ist, ist einzigartig in der Welt, in seiner Art und seinen Zielen.

Mit zerstörerischem Kalkül und manchmal auch aus purer Gewalt werden Bürger, alte Menschen, Frauen und Kinder, Intellektuelle, Demokraten, ja einfacher gesagt Andersdenkende auf manchmal grausamer Art und Weise umgebracht. Wir wollen nicht hier eine Analyse des Phenomens machen, das würde den Rahmen unserer Möglichkeiten sprengen. Wir möchten auch nicht die Problematik der Identität des algerischen Volkes untersuchen, das wir in einem anderen Artikel abhandeln wollen, denn wir sind der Meinung, daß sie eine schlüsselrolle im jetzigen Werdegang Algeriens spielt.

Wir versuchen vielmehr einen Blick auf eine bestimmte „Kategorie“ von Bürgern ein Auge werfen, die leider jetzt nicht mehr da sind. Sie sind Opfer von Attentaten geworden. Sie gehörten zu den besten Töchter und Söhne des Landes, die ihr auf die Beine in guten und in schlechten Zeiten helfen könnten. Dadurch verarmt Algerien zusehends an Toleranz, Wissen, Demokratie, mit Mitwissen der Völkergemeinschaft. Algerien blutet aus.

 

Die Zahl der Ermordeten nimmt unvorstellbare Maße an. Es wird von ca. 100.000 bis 130.000 Toten seit 1992 gesprochen; das entspricht in etwa 40 Tote pro Tag!

Es ist zwar makaber, die Anzahl der Toten zu vergleichen. Der Bürgerkrieg in Irland zum Beispiel hat in ca. 19 Jahren ca. 3.000 Menschen das Leben gekostet! Das sind sicherlich 3.000 zuviel. Das entspricht in etwa weniger als einen Toten pro Tag!

 

Ein algerischer Journalist schrieb sinngemäß: "Es ist so, als würden wir nur solange auf unseren Beinen stehen, bis wir unsere Toten beerdigt haben!"

Die Devise vieler Algerierinen und Algerier, die Widerstand leisten, jede(r) auf seiner Art, stammt vom ermordeten Schriftsteller und Journalisten Tahar Djaout:

 

            "Le silence est la mort.       

             Et si tu te tais          

             Tu meurs

             Et si tu parles          

             Tu meurs

             Donc, parles et meurs".

 

            Das Schweigen ist der Tod

            Und falls du schweigst

            Stirbst du

            Und falls du sprichst

            Stirbst du

            Also, sprich und stirb

 

Die seit der Unabhängigkeit 1962 verzerrt dargestellte und gefälschte algerische Geschichte, erlaubt dem algerischen Bürger nicht, eine Stütze zu haben, sich zu positionieren, um daraus eine Zukunft bauen zu können. Das kritische Denken wird systematisch unterbunden, weil der Bürger ansonsten seine Lage aus der richtigen Perspektive sehen würde. Vielmehr wird er auch noch durch ein undurchsichtiges System mit dem normalen Alltag so beschäftigt, daß diese Sorgen, die eigentlich keine seien dürfen, ihm das Wesentliche vergessen lassen. Der Bürger wurde seit 1962 mit der Suche nach unterschiedlichen Lebensmitteln, Wasser beschäftigt. Es wird mit den verschiedensten Waren eine Verknappung erzeugt, die fast zu einer Psychose wurde. Gearbeitet wurde in der Zeit, wo nichte gesucht wurde und diese war kurz.

Mit der Einführung der Marktwirtschaft Mitte der 90er Jahre, findet der algerische Bürger fast alles, aber zu stark erhöhten Preise. Die neue und dramatische Situation, die viele Haushalte und Familien Oberhäupte beschäftigt ist eben die mögliche „Nicht Beschäftigung“ sprich den Verlust des Arbeitsplatzes. Der Weg der offenen Marktwirtshaft wird beschritten, seine Auswirkungen haben bereits und werden für viele Bürger katastrophale Folgen.

 

Der Algerier ist ständig auf der Suche: zuerst nach Lebensmitteln, nach einer Arbeit und wann sucht er dann zu sich selbst zu finden? Der Bürger muß zuerst aufhören nur ein Verdauungsapparat sein zu müssen. Da aber seine Grundrechte verletzt sind und er weder ein Recht auf Arbeit, Wohnung garantiert bekommt, bleibt der Weg beschwerlich und lang.

Wir sehen in diesen Menschen, die uns brutal verlassen mußten, unter anderem diese Stütze, die uns geraubt wird, die wir aber unbedingt brauchen.

Die algerische Identität darf keineswegs auf die Beine kommen, so wollen es die Machthaber!. Das wenige, was da war und ist, wird systematisch zerstört. Die alte Devise "Algerien algerianisieren" paßt den harten Baathisten in der Einheitspartei und den Machthabern nicht ins Schema. Sie wollen nicht ein algerisches Algerien, mit all seinen kulturellen Dimensionen und Völker-gruppen, sondern ein arabisches Algerien, das zur arabischen Nation gehört!

Die heutige Situation in dem nordafrikanischen Land beruht zum größten Teil auch auf einem Identitätsproblem. Die Algerier stehen wie nackt da ! Der Liedermacher Idir hat dies in einem seiner Liedern (Muqlag: ich schaue mich um) sehr anschaulich zum Ausdruck gebracht: "Ich weiß nicht woher ich bin und weiß nicht, wohin ich gehe, als wäre ich vom Himmel gefallen!"

 

Der MNV e.V. ist entsetzt über die systematisch durchgeführten Morde. Wir wollten, wenn auch nur unvollständig, eine Liste der Intellektuellen veröffentlichen, die ihr Leben verloren haben, weil sie sich für eine pluralistische Gesellschaft einsetzten, für Menschenrechte und freie Meinungsaüßerung waren, für eine Gleichberechtigung von Frau und Mann kämpften, ja, weil sie einfach anders dachten. Aber wir haben darauf verzichtet denn sie ist leider sehr lang und nimmt in der Länge zu! Der MNV e.V. trauert um die Ermordeten und wird versuchen, seinen Beitrag zu leisten, um die Ideale dieser Menschen in Algerien mit zu verwirklichen. Ein Philosoph schrieb: "Wir sind Zwerge auf dem Rücken von Giganten". Wir wissen, wo ein Teil der algerischen Giganten liegt und warum sie starben!

 

Hier wäre eigentlich der Artikel zu Ende gewesen. Aber die Ereignisse haben uns leider eingeholt ! Die Nachricht des  Todes von Herrn Saïd Mekbel - Chefredakteur der in Algerien erscheinenden Tageszeitung Le Matin - hat uns zutiefst erschüttert. Zwei Kugeln in den Kopf setzten dem Leben eines großen Journalisten und Menschen ein Ende! Zwei Kugeln haben "Mesmar J´ha" zur Strecke gebracht! Mesmar J´ha ist eine satirisch-ironische "Zeitungsecke" (un billet), die Saïd mit seinen einfachen aber zutreffenden Worten schrieb. Er beschrieb den alltäglichen Ärger des Durchschnittsalgeriers. Er stellte darin seine politischen Gegnern gnadenlos dar. Eine "Zeitungsecke", die vom Publikum sehr beliebt war. Er und sie werden für immer fehlen.

 

Wir erlauben uns hier den Abdruck seines letzten "Billets" wiederzugeben. Die deutsche Version erschien in DIE ZEIT Nr. 50, vom 09.12.1994, die französische als Leitartikel in "El Watan" Nr.: 1255, vom 04.12.1994 und natürlich auch in Le Matin; Le Matin vom 03.12.1994, am Tage seiner Ermordung.

DIE ZEIT: Algeriens mutiger Journalist Saïd Mekbel wurde ermordet. Sein letzter Artikel.

 

Bürger Vagabund

 

Algier. - Dieser Dieb, der im Dunkel der Nacht an den Mauern entlangschleicht, um nach Hause zu gelangen, das ist er. Dieser Vater, der seinen Kindern einschärft, niemandem zu erzählen, welch üblem Gewerbe er nachgeht, das ist er. Dieser böse Bürger, der im Justizpalast wartet, bis er vor die Richter treten darf, das ist er. Dieses Individuum , das während einer Razzia in einem Stadtteil aufgegriffen und mit Schlägen von Gewehrkolben ins Innere eines Polizeilastwagen befördert wird, das ist er.

Er ist es auch, der jeden Morgen sein Haus verläßt, ohne sicher zu sein, an seinem Arbeitsplatz anzukommen, und der jeden Abend seinen Arbeitsplatz verläßt, ohne zu wissen, ob er zu Hause ankommen wird.

Dieser Vagabund, der nicht mehr weiß, bei wem er die Nacht zubringen soll, das ist er. Er ist es, den man in der Abgeschiedenheit und Diskretion eines Verhörzimmers bedroht, er ist jener Zeitzeuge, der herunterschlucken soll, was er weiß, jener nackte und ohnmächtige Bürger.....Dieser Mann, der darum fleht, daß man ihm nicht die Gurgel durchschneidet oder ihn sonstwie umbringt, das ist er. Und er ist es auch, der mit seinen Händen nichts anderes anzufangen weiß, als seine bescheidenen Texte zu schreiben.

Und gleichwohl hofft er, gegen alle Wahrscheinlichkeit und Vernunft, denn - nicht wahr ? - selbst auf dem Misthaufen blühen Rosen. Er tut all das und ist bloß Journalist.

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Saïd Mekbel ist der 24. Journalist, der im algerischen „Bürgerkrieg“ umgebracht wurde. Als Chefredakteur der Tageszeitung  Le Matin kämpfte er mit offenem Visier. Selbst die elementare Vorsichtsmaßnahme, anonym zu publizieren, erschien dem 56 jährigen als zu großes Zugeständnis an die Gewalttäter. Zwei Attentate hat Saïd Mekbel überlebt. Am vergangenen Sonntag erlag er dem dritten.

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Le voleur qui...

Ce Voleur qui, dans la nuit rase les murs pour rentrer chez lui, c´est lui. Ce père qui recommande à ses enfants de ne pas dire dehors le méchant métier qu´il fait, c´est lui. Ce mauvais citoyen qui traine au Palais de justice, attendant de passer devant les juges, c´est lui. Cet individu pris dans une rafle de quartier et qu´un coup de crosse propulse au fond du camion, c´est lui. C´est lui qui, le matin, quitte sa maison sans être sûr d´arriver à son travail. Et lui qui quitte le soir son travail, sans être certain d´arriver à sa maison.

Ce vagabond qui ne sait plus chez qui passer la nuit, c´est lui. C´est lui qu´on menace dans le secret d´un cabinet officiel, le témoin qui doit ravaler ce qu´il sait, ce citoyen nu et désemparé.

Cet homme qui fait le voeu de ne pas mourir égorgé, c´est lui. Ce cadavre sur lequel on recoud une tête décapitée, c´est lui. C´est lui qui ne sait rien faire de ses mains, rien d´autre que ses petits écrits, lui qui espère contre tout, parce que, n´est-ce pas, les roses poussent bien sur les tas de fumier. Lui qui est tous ceux-là et qui est seulement journaliste.

 

El Watan: Le dernier billet de Saïd Mekbel paru hier dans Le Matin est prémonitoire. Nous le reproduisons en guise d´éditorial.

 

 

Frankfurt am Main im Juni 1995