Der Weg zur Bürgerbewegung in der Kabylei / Algerien

 

 

1. Vom 20. April 1980 zum 18. April 2001:

Der 20. April 1980, "Berberischer Frühling" genannt, ist der Tag, an dem sich die Kabylen zum ersten Mal im unabhängigen Algerien (seit 1962) die Frage der Verdrängung der masirischen (berberischen. Die Berber nennen sich selbst „Masiren“, was „Freie Menschen“ bedeutet) Identität durch die Machthaber öffentlich durch Massenkundgebungen stellten. Die Forderungen der damaligen Kulturellen Berber-Bewegung (MCB: Mouvement Culturel Bérbère) beschränkten sich nicht nur auf die Anerkennung der masirischen Identität der algerischen Bevölkerung, sondern umfassten auch die Menschenrechte, Recht auf Arbeit, Gleichberechtigung von Mann und Frau, freie Meinungsäußerung und Pressefreiheit.

 

Die friedlichen Demonstrationen wurden damals mit brutaler Gewalt unterdrückt. Es ist die Sprache, die das Regime von Anfang an sprach und leider immer noch spricht: Repression! Seitdem unternahmen engagierte Masiren, unter repressiven Rahmenbedingungen, eine tiefgreifende gesellschaftliche Aufklärungsarbeit mit Liedern (Idir, Ferhat, Matoub, Aït Menguellet,…), Veröffentlichungen (Mammeri, Kateb Yacine, Tahar Djaout und Tassadit Yacine,…), Bürgerinitiativen, Vereine,  u.ä.. Dadurch gelang es ihnen, die masirische Bevölkerung (vor allem in der Kabylei) schichtübergreifend für o.g. Forderungen/Leitsätze zu sensibilisieren. Infolgedessen hat sich die Lage der algerischen Masiren ein wenig verbessert, obwohl die masirische Sprache immer noch keine offizielle Sprache (Amtssprache) ist. Zwanzig Jahre später und Dank des Drucks der Bürgerbewegung (Mouvement citoyen) seit April 2001, ist Tamasirt (Berbersparche) immerhin nationale Sprache geworden (Im Gegensatz zur ofiziellen Sprache ist eine nationale Sprache keine Pflichtsprache in den Schulen und nicht in Amtsschriften anzutreffen. Sie bekommt aber Förderungen vom Staat)! In den vergangenen 21 Jahre hat sich in Algerien einiges zum Positiven verändert (z.B.: Pressefreiheit, eine Errungenschaft des Aufstandes von Oktober 1988, ein Mehrparteien System) und zum Negativen (z.B.: Korruption, Repression).

 

Der 20 April 1980 ist in der Kabylei und in mehreren anderen Orten Anlass für Kundgebungen, die darauf abzielen, der Forderungen nach Anerkennung der masirischen Sprache als nationale und offizielle Sprache Nachdruck zu verleihen (Der Anteil der tamasirt sprechenden Bevölkerung Algeriens wird auf ca. 30-40% der Gesamtbevölkerung von 30 Millionen geschätzt).

Seit dem 18. April 2001 herrschen in der Kabylei (100 km östlich von Algier) Unruhen. Der Auslöser war die Verhaftung des jungen Gymnasiasten Massinissa Guermah durch die Gendarmerie von Aït Douala (Béni Douala, Land Tizi-Ouzou, gesprochen Tizi-Usu). In der Kaserne der Gendarmerie, die dem Verteidigungsministerium unterstellt ist, erlitt Massinissa tödliche Verletzungen durch Schüsse aus einer Kalaschnikow. Trotz seiner Verlegung in ein Krankenhaus nach Algier erlag er dort seinen Schussverletzungen.

Der junge Massinissa wurde festgenommen, als Vorbereitungen für die jährlichen Demonstrationen für die Anerkennung der masirischen Sprache anlässlich des 21. Jahrestag des "Berberischen Frühlings" stattfanden.

 

Daraufhin demonstrierten friedlich seine Schulkollegen und die Dorfbewohner aus Solidarität und Beistand mit seiner Familie. Alle forderten, dass der für die tödlichen Schüsse verantwortliche Gendarm vor ein ziviles Gericht gestellt und bestraft wird. Die Demonstranten stießen bei den Behörden (hauptsächlich vom Innenministerium geführt und gesteuert) auf harte Fronten, Ablehnung und Vertuschung!

 

Die Ereignisse blieben nicht dabei, denn fast zeitgleich in der Stadt Amizour (sprich Amisur) bei Bgayet (Bédjaïa, eine Landeshauptstadt), sie liegt ca. 120 km östlich von Aït-Douala, verhafteten Gendarmen drei Schüler vor den Augen ihres Sportlehrers, der sich vergeblich zur Wehr setzte. Sie wurden auf die Wache mitgenommen, dort verprügelt und erniedrigt. Es sah nach einer konzertierten Aktion aus, die darauf abzielte, eine Auffuhr der kabylischen Bevölkerung zu erreichen, aus welchen Gründen auch immer. Wer Interesse an so eine Situation hat, ist unklar! Gibt es Machtkämpfe an der Spitze des Staates? So fragte sich die algerische unabhängige Presse.

Es folgten hier auch friedliche Demonstrationen der örtlichen Bevölkerung, die nach Gerechtigkeit rief. Auch hier war die Antwort der Gendarmerie Missachtung, Arroganz, Unterdrückung, Repression...

 

Die Bevölkerung in der ganzen Kabylei (zwei Länder: die große und die kleine Kabylei, als Länderhauptstädte Tizi-Ouzou bzw. Bgayet) wollte ihre Unterstützung für die betroffenen Familien zeigen und organisierte überall in den Städten friedliche Protestkundgebungen vor den Kasernen der Gendarmerie. Die Stimmung war gereizt, der Ton wurde rauer. Die Gendarmerie provozierte die aufgebrachten Menschen durch obszöne Worte und Gesten. Die ersten Steine flogen! Die an den friedlichen Demonstrationen beteiligte Menschenmenge wurde größer, der Druck auf die Gendarmerie wuchs ständig.

Die Gendarmerie hat wenig Erfahrungen mit friedlichen Demonstrationen und deren Beherrschung bzw. Befriedung. Der Kampf der Islamisten im Untergrund, sowie eine harte und pädagogisch sehr vernachlässigte Ausbildung hat sie zu dem gemacht was sie ist: psychologisch arme Sicherheitskraft eines Regimes. Die Gedarmen haben sich für 25 Jahre Dienst an der Waffe verpfilchtet und sehen in der zivilen Bevölkerung einen „Feind“, mit dem sie die ganzen Jahre über nicht behutsam umgingen. Die elementarsten Gesetzte wurden missbraucht! Willkürliche Verhaftungen und ungerechte Behandlung der inhaftierten Personen waren an der Tagesordnung. Viele Gendarmen nutzten die Uniform, die sie gesetzlich gegen Dritte „beschützt“, vollkommen aus. Diese Verhaltensweise wurde von ihren Vorgesetzten teilweise geduldet, ja geschürt. Die Hüter der öffentlichen Ordnung, speziell aber die Gendarmerie, haben sich im Laufe der Jahre und der Ausbreitung der Korruption (ab Anfang der 80er Jahre) daran gewöhnt, Schmiergelder fast öffentlich einzunehmen.. Da das „Rechtssytem“ mehr eine Wetterfahne und Farce ist und die Justiz nicht unabhängig ist, haben sie eigentlich gar nichts zu befürchten. Die Korruption wurde zum Volkssport. Die Bürgerbewegung bezeichnet das Regime als korrupt und korrumpierend (corrompu et corrupteur), bzw. mörderisch mit Mafia-ähnlichen Methoden (mafieux et assassin)!

 

Seit der Unabhängigkeit Algeriens gab es einen massiven Machtmissbrauch in den meisten staatlichen Behörden und Verwaltungen, bei der Gendarmerie auch. Die wichtigste Aufgabe von Polizei und Gendarmerie, nämlich die Bürger zu schützen, gehört scheinbar seit langem nicht mehr zu ihren Zielen! Die Bevölkerung ist dabei die Leidtragende. Es wird seit ca. 40 Jahren eine menschenverachtende Politik gemacht. Diese wurde international geduldet anstatt geächtet zu werden.

 

2. „Unmündige Bevölkerung“, sagen Sie?

Die arme „unmündige“ Bevölkerung war mit falschen Problemen ganze Jahrzehnte lang beschäftigt: z.B. sich Schlange anzustellen um Brot, Kartoffeln, Teigwaren, Tomatenmark,... für die Familie zu besorgen. Die Menschen hatten sich so sehr an die ewig langen Schlagen gewöhnt, dass folgendes sich eines Tages in Algier ereignete: Ein Familienvater trug eine leere aus Alphagras hergestellten Einkaufstasche. Vor der noch geschlossenen Tür eines Einkaufshauses blieb er plötzlich stehen. Er stellte die Tasche auf den Boden und fing an, sich eine Zigarette zu drehen. Als er fertig wurde, zündete er sie an, nahm seine Tasche und wollte gehen. Er schaute zurück und entdeckte eine lange Menschenschlange. Die Leute dachten, in dem Kaufhaus wird nach seiner Öffnung eine Mangelware verkauft und jeder wollte dabei sein!

Im Laufe der Jahre und der verschiedenen Regierungen wurde die Bevölkerung in Schach gehalten und es wurde alles versucht und dafür gesorgt, damit sie nicht auf „dumme“ Gedanken kommt. Dafür sorgte der gefürchteten Geheimdienst (SM: sécurité militaire, Militärischer Geheimdienst) und die Einheitspartei FLN (Front de Libération Nationale) mit allen ihren Organisationen. Außerhalb der FLN wurde nichts geduldet: keine Vereine, geschweige denn politische Parteien! Das Motto der Machthaber war damals: „Vom Volk und für das Volk (Par le peuple et pour le peuple!)“.

 

2.1 Welche anderen und gravierenden Entscheidungen trugen zur Dramatisierung der Situation im heutigen Algerien bei?

Die Schule und das marode Schulsystem: Die Äußerung vom damaligen Präsidenten Benbella (erster Präsident im unabhängigen Algerien) „Wir sind Araber, wir sind Araber, wir sind Araber und gehören zur arabischen Nation“ war leider richtungsweisend für alle Fehlentscheidungen, die für die Umorganisation des algerischen Schulsystems von Anfang an getroffen wurden. Damals wurde von Agrar-, Kultur, Industrieller Revolution, etc. gesprochen! Es wurden pädagogisch unfähige Lehrer ins Land geholt, die in ihrem Land (hauptsächlich Ägypten!) keine waren, um der jungen algerischen Nation „auf die Beine zu helfen“. Es waren teilweise Islamisten, die die Bildungspolitik der damaligen Regierung umsetzen sollten. Die Weichen für eine rückschrittliche Schule und für eine politische Islamisierung des Landes und seiner Jugend waren somit gestellt.

 

Es folgte Anfang der siebziger Jahre eine forcierte Arabisierung, vor allem in den masirisch sprechenden Regionen, speziell in der Kabylei, die dem Regime immer ein Dorn im Auge war. Generationen sind geopfert worden, da die erste Arabisierungswelle Schüler betraf, die drei Jahre vor dem Abitur standen und bis dahin den Unterricht in Französisch absolvierten. Die Abiturergebnisse waren katastrophal! Die Lehrbücher wurden an die Sicht der Politik angepasst: mehr Arabisierung egal wie: der Unterricht wurde mehr und mehr fundamentalistisch und islamistisch. Das Ausbildungsniveau sank im Laufe der Jahre rapide, denn die mangelhaft ausgebildeten Lehrer bilden ihrerseits andere Schüler aus: Schneeball-Prinzip!

 

Die Kabylei hat einen schweren Tribut dafür bezahlt, weil die Politik den Versuch unternahm, diese sich zu unterwerfen, zu assimilieren. Das Regime fälschte die wahre algerische Geschichte und Identität: nämlich masirisch und zu Afrika gehörend und nicht arabisch-islamisch! Das Identitätsproblem stellt sicherlich eines der Hauptgründe der Krise dar, die Algerien seit Jahrzehnten erschüttert. Das Regime, das die Pfründe der Ölexporte für seine Bereicherung ausnutzt, möchte keinen mündigen Bürger haben! Es möchte seine Interessen wahren und mit allen Mitteln verteidigen nämlich mit Obskurantismus, Unterdrückung, Repression, Korruption, Verachtung der eigenen Bevölkerung,...

 

2.2 Eine neue Ära für Algerien ist eingeleutet:

Der Aufstand der Jugend im Oktober 1988 führte nach Zeitungsangaben zur Erschießung von mehreren Menschen. Er zwang aber auch den Staat sich zu öffnen. Ein Gesetz wurde erlassen, das politische Vereinigungen erlaubte. Es wurden mehrere Parteien gegründet, die das politische Spektrum von links bis fundamentalistisch abdeckten. Die freie Presse wurde geboren: ein Segen Gottes für Algerien, denn ohne sie wären viele Ereignisse verborgen geblieben und nie an die Öffentlichkeit gekommen. Die Presse hat leider mit ihren Toten auch einen hohen Preis für die Pressefreiheit bezahlt!

So lebten jahrzehnte lang beide Lager – das Regime und die Bevölkerung - zwar in einem Land aber doch in verschiedenen Welten. Die Kluft dazwischen wuchst ins Unermessliche. Das trugt dazu bei, dass die Bevölkerung, vor allem die kabylische, ein großes Misstrauen gegen alles, was von Oben kam entwickelte und anfing, sich für andere Sachen zu interessieren, die tabu waren: Anerkennung und Förderung der masirischen Kultur und Sprache, Tamasirt als nationale und offizielle Sprache, die nationale Identität mit der Masirischen zu ergänzen, freie Meinungsäußerung, Menschrechte und Demokratisierung der Gesellschaft. Der Aufstand der Kabylei im April 1980 war ein Zeichen dafür, dass zumindest ein Teil der Bevölkerung sich nicht in der offiziellen Politik wiederfinden konnte und auch nicht so unmündig war, wie die Machthaber es glaubten!

 

Wer seine Kultur achtet, braucht eine Identitätskrise nicht zu befürchten! Ein Regime, das sein Volk missachtet, ihm die Anerkennung als menschliches Wesen fast abstreitet und Separatismus unter seiner Bevölkerung schürt, ist unglaubwürdig und muss gehen!

 

Die Bürgerbewegung in der Kabylei ist mit den Unruhen im April 2001 und im Blut von 123 Regime-Opfern geboren. Es ist sicher, dass ihr Weg beschwerlich sein wird, denn sie hat sich viel vorgenommen und sie weiß, mit wem sie es aufgenommen hat! Wir wünschen der Bürgerbewegung ein langes Leben, viel Mut und Weisheit. Sie und ihre Volksdelegierten haben unsere Unterstützung!

 

 

A. Aïmène