Der islamische Fundamentalismus in Algerien:

Von der Instrumentalisierung zur Bedrohung

 

Bevor ich auf den islamischen Fundamentalismus in Algerien eingehe, möchte ich zunächst die Spezifischen Merkmale Algeriens im Vergleich zu Marokko und Tunesien darstellen. Historisch unterscheiden sich Algerien und Tunesien vom Marokko dadurch, dass sie schon seit der Antike stärker von äußeren Kulturen beeinflusst sind. In Tunesien ist sogar die einheimische Sprache Nordafrikas, die berberische Sprache Tamazight, fast verschwunden, während sie heute von ca.30% der Bevölkerung Algeriens und mehr als 55% der Bevölkerung Marokkos gesprochen wird. In der Zeit des französischen Kolonialismus wurde Algerien 1830 besetzt - mehrere Jahrzehnte vor Tunesien und fast ein Jahrhundert vor Marokko. Im Gegensatz zu Marokko und Tunesien war Algerien kein Protektorat, sondern eine direkt durch Frankreich verwaltete Siedlungskolonie. Algerien befreite sich nach einem blutigen siebenjährigen Partisanenkrieg. Gleich nach seiner Unabhängigkeit 1962 hat es sich dem antiimperialistischen Lager angeschlossen und versuchte eine sozialistische und unabhängige Wirtschaft aufzubauen. Nach der Verstaatlichung der Bodenschätze konnte Algerien dank der Erdöleinnahmen riesige Industrieprojekte finanzieren. Anfang der siebziger Jahre wurden eine Agrarreform und eine sogenannte Kulturrevolution gestartet. Von 1979 d.h. vor dem Tod Boumediennes, der den Kurs in Algerien seit der Unabhängigkeit bestimmte, bis zu den Unruhen von 1988 gab es eine Stagnation sowohl im wirtschaftlichen als auch im politischen Bereich, trotz der Häufung von Alarmzeichen: Unruhen, wachsende Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot usw. Diese Periode wurde auch durch eine unerhörte Ausbreitung der Korruption bei den Staatsbeamten und dem Militär gekennzeichnet. Eine begrenzte Liberalisierung der Wirtschaft ermöglichte den Machthabern sich noch mehr zu bereichern auf Kosten der arbeitsschaffenden Investitionen und der Sozialleistungen.

Die Unruhen von Oktober 1988 eröffneten neue Perspektiven: Ende der Ära des Monopols der alleinherrschenden FLN-Partei, Gründung von neuen Parteien, Aufblühen von unabhängigen Zeitungen, Rückkehr aller im Exil lebenden Oppositionsführer usw.

1992 wurde bei den ersten freien Parlamentswahlen den Wahlprozess von der Armeeführung unterbrochen, weil der Wahlsieg der Fundamentalisten sich eindeutig abzeichnete. Dabei wurde der Staatschef Chadli Benjeddid abgesetzt und die islamische Heilsfront (FIS), die Partei der Fundamentalisten, aufgelöst. Die Armee versprach eine Rückkehr zum demokratischen Prozess erst nach der Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung.

Offizieller Grund für diesen Schritt:  Die Fundamentalisten hatten öffentlich erklärt, dass sie die Demokratie abschaffen wollten, sobald sie an der Macht sind, weil sie diese als Frevel betrachteten. Trotzdem und obwohl nur 30% der Wahlberechtigten für die Fundamentalisten stimmten (Die FIS erhielte 3 260 222 von 7 822 625 Stimmen bei einer Wahlbeteiligung von 59 % ) betrachteten viele westliche Zeitungen die islamische Heilsfront als der legitime Vertreter des Volkes und haben von grober Verletzung der Demokratie gesprochen.

Das Eingreifen der Armeeführung, die sich von der Politik zurückgezogen hatte, nachdem die Armee während der Unruhen von 1988 auf das Volk geschossen hatte, wurde sowohl im Ausland als auch in Algerien scharf kritisiert. Einige Politiker waren der Meinung, dass die Machtausübung durch die Fundamentalisten ihre Ideologie in Verruf bringen würde. Der algerische Politologe Lhouari Addi sprach von einer notwendigen „fruchtbaren Regression“, die endgültig die islamische Gesellschaft vom Traum der Rückkehr zum mythischen goldenen Zeitalter des Islams befreien würde.

Seit der Auflösung der FIS vermehrten sich terroristische Anschläge, zunächst gegen Polizisten und Sicherheitsbeamte, dann gegen französisch gebildete Intellektuelle und Journalisten und schließlich gegen Ausländer.

Warum haben die Jugendlichen, die aufgrund der Bevölkerungsexplosion mehr als 75% der Bevölkerung ausmachen, in den arabischsprechenden Regionen gerade die islamische Heilsfront begünstigt? 

Die sozialen Ursachen (Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, Mangel an Konsumgütern, Hohe Inflation, Wasserknappheit usw.); die in den Großstädten die Bewohner der armen Viertel dazu geführt hätten, sich an die Moscheen zu wenden und die Fundamentalisten zu unterstützen, werden häufig als der wahre Grund erwähnt.

Auf die Versprechungen und Lösungen der Fundamentalisten werde ich später eingehen.

Ich möchte zunächst nur die folgende Bemerkung machen: Diese sozialen Probleme sind auch in der überbevölkerten Kabylei vorhanden. Sie haben nicht die Bevölkerung dieser Region daran gehindert, mehrheitlich für demokratische Parteien zu stimmen.

Die Ermordung des vom Exil zurückgerufene und zum Chef des „Hohen Staatskomitees“ ernannten Veteranen der algerischen Revolution Mohamed Boudiaf hat zur Verwirrung vieler Beobachter beigetragen: Zum einen sind die Hintergründe seiner Ermordung immer noch nicht geklärt, zum zweiten sind bei der Beerdigung dieses alten Mannes, Tausende von Jungendlichen, die bisher die Fundamentalisten unterstützten, auf die Straße gegangen, um ihre Trauer und  Sympathie für den Ermordeten auszudrücken, obwohl Boudiaf als Erzfeind der Fundamentalisten galt und sich demonstrativ nicht des Koranarabischen, sondern der von Islamisten und Panarabisten verpönten Französisch und des Volksarabisch bediente. Natürlich können diese Sympathiekundgebungen auf die Annahme zurückgeführt werden, dass Boudiaf von den Machthabern ermordet wurde, wie er die Absicht hatte, die Korruption zu bekämpfen. Jedoch, auch wenn sie nicht die Urheber des Mordanschlags waren, haben die Fundamentalisten immerhin ihre Genugtuung hinsichtlich des Mordes öffentlich zugegeben.

Darüber hinaus haben viele Zeitungen darüber berichtet, dass diese selben Jungendlichen von der Auswanderung nach Europa, Australien oder Kanada träumen. Man kann also annehmen, dass die religiöse Motivation bei vielen Anhängern der Fundamentalisten eine geringe Rolle spielt.

In einem Buch über die algerischen Fundamentalisten unterscheidet der Soziologe Ahmed Rouadjia (Les frères et la mosquée, Paris 1990) zwei Hauptperioden in der Orientierung ihrer Führer:

Am Anfang, in den siebziger Jahren, ging es vor allem darum, die sozialistische Option des Regimes zu bekämpfen. Dabei konnten die Fundamentalisten, die zunächst vor allem in der konservativen Stadt Constantine ihre Anhänger hatten, mit der Unterstützung einflussreicher Großgrundbesitzer und hochrangiger Militäroffiziere rechnen, weil diese gegen die von Boumedienne verordnete Agrarrevolution waren. Während Studenten und Studentinnen das Land durchzogen um - nach dem Wunsch Boumediennes - den Bauern die Ziele der Agrarrevolution zu erklären, besuchten nachts arabisch gebildeten Studenten die selben Bauern, um ihnen die Botschaft der Fundamentalisten zu bringen: die Ziele der Revolution, die ursprünglich eine islamische Revolution gewesen sei, deshalb hießen die Widerstandskämpfer „ Mudshahidin“, seien von Kommunisten und Atheisten verfälscht worden, die Verstaatlichung von Privatböden sei ein Frevel, die Arbeit in den Kooperativen sei eine Sünde usw.  Ein Beweis dafür, dass die von der Regierung geschickten Studenten und Studentinnen gottlose Kommunisten seien, bestehe darin, dass die Studentinnen mit Stiefeln und bloßem Haar das Land mit ihren männlichen Kommilitonen bereisten. Solange die Hoffnung auf eine Verbesserung der eigenen Situation bei den Bauern lebendig war, waren solche Argumente ineffizient. Nachdem jedoch das Scheitern der von oben verordneten und bürokratisch geführten Agrarreform offenkundig wurde, haben sie Gehör gefunden - besonders die Argumente gegen das Verhalten der Studentinnen.

Für Boumedienne war die Bekämpfung der Fundamentalisten äußerst schwierig.  Die Geschichte der Revolution wurde von Boumedienne selbst vertuscht, da er während des Befreiungskrieges eine geringe Rolle gespielt hatte. Nicht nur wichtige Revolutionsführer, sondern auch grundsätzliche Auseinandersetzungen, die in Widerspruch zu der offiziellen Einheitsideologie standen, wurden völlig von der Geschichte, den Medien und schließlich vom Gedächtnis der Algerier ausradiert.

Die Verwirklichung der sogenannten Kulturrevolution gehörte zu seinen wichtigsten Zielen neben der Industrie- und Agrarrevolution. Im Gegensatz zu der von Mao angeregten Kulturrevolution in China handelte es sich nicht dabei um die Beseitigung der konservativen Werte der traditionellen Kultur zugunsten der neuen sozialistischen Werte, sondern um die Rehabilitierung der arabischen Sprache und der islamischen Religion, die von Boumedienne als Grundlagen der algerischen Identität angesehen waren. Das erklärte Ziel dieser Kulturrevolution war der Kampf gegen den Einfluss des moralisch korrupten Westens. Was die Rehabilitierung der arabischen Sprache angeht, handelte es sich nicht um den amtlichen Gebrauch und die Entwicklung des tatsächlich in Algerien gesprochenen Arabisch, sondern um - nach dem Beispiel der arabischen Staaten - die Einführung in die Verwaltung, in die Medien, Schulen und  Universitäten des Hocharabischen, einer eher repräsentativen Sprache, die vom nordafrikanischen Volksarabisch ungefähr so weit entfernt ist, wie das Lateinische vom Französischen. Diese schwerwiegende Entscheidung ist hauptsächlich auf politische Ziele zurückzuführen. Boumedienne, wie die meisten Offiziere, die dank der Unterstützung Ägyptens und anderer arabischen Staaten nach dem Befreiungskrieg die Macht an sich gerissen hatten, war ein Panarabist, ein Anhänger einer im Nahen Osten von der Baathpartei (Partei der arabischen Wiedergeburt) propagierte Ideologie, deren Ziel darin besteht, die Errichtung eines großen arabischen Reichs, das sich vom Marokko bis zum persischen Golf erstrecken würde. Aus diesem Grund wurde der Gebrauch des nordafrikanischen Arabischen und die Anerkennung der in Algerien von ca. 30% der Bevölkerung gesprochenen einheimischen Sprache Tamazight abgelehnt. Dagegen durften die Schulen die französische Sprache „für die notwendige Erlernung der modernen Technik“ vorläufig unterrichten. Um das Arabisierungsprogramm zu realisieren, wurde das Erziehungssystem den ehemaligen Koranlehrern überlassen, da nur sie das Hocharabisch oder genauer gesagt das Koranarabisch konnten. Darüber hinaus wurden Tausende von meist unqualifizierten Schullehrern aus dem Nahen Osten, vor allem von Ägypten geholt. Infolgedessen und augrund der massiven Einschulung, kam es zu einer bisher unerhörten Ausbreitung des Gebrauchs der französischen Sprache, zu ungunsten sowohl der einheimischen Sprachen, die ja gar nicht unterrichtet waren, als auch des klassischen Arabisch, das für die meisten Schüler eine garstige und überflüssige Sprache war. Diese unerwünschte Tendenz führte das FLN-Regime dazu, den zweisprachigen Unterricht stufenweise abzuschaffen, obwohl es in den wissenschaftlichen Bereichen weder Lehrer noch Lehrbücher in arabischer Sprache gab. In einem Interview mit der amerikanischen Zeitung „Christian Monitor“ (Mai 1971))prophezeite Boumedienne 1971 „Zwei Millionen Schüler, die heute Arabisch lernen, werden in zwanzig Jahren auf die Straße gehen und wie eine Springflut die Widerstandsnester überschwemmen. Dann wird das Erbe der Kolonialzeit beseitigt und Algerien voll und ganz ein arabischer Staat sein.“ Die erste Konsequenz dieser Politik war ein sofortiger Sturz des Bildungsniveaus in den Schulen, der später auch die Hochschulen und Universitäten erreichte. Die zweite Konsequenz war ein Bruch zwischen den älteren Generationen von Schülern, die vor allem Französisch beherrschten und technisch qualifiziert waren und den jüngeren Schülern. Im Gegensatz zu Intellektuellen und Liedermachern aus der Kabylei, die durch Lieder in der Tamazight-Sprache progressive und universale Werte propagierten, haben die französischgebildeten arabischsprachigen Intellektuellen - mit der Ausnahme von Kateb Yacine - nicht daran gedacht, sich der Volkssprache zu bedienen, um ihr Wissen zu verbreiten.

Boumedienne war auch davon überzeugt, dass die Aussöhnung der islamischen Religion mit der Emanzipation der Frauen und der sozialistischen Revolution durchaus möglich sei. Er ließ überall Moscheen und sogenannte islamische Institute bauen. Allein in der Kabylei wurden 12 islamische Institute gebaut. In Constantine wurde  1968 eine Moschee von 12.600 Quadratmeter, die größte Moschee Afrikas geplant. Um diese Moschee zu bauen, wurden angesehne Familien aus der traditionellen Bourgeoisie Constantines vom regionalen Militärgouverneur, dem realen Statthalter Boumediennes in Ostalgerien, beauftragt, in Saudi Arabien und in den Golfstaaten eine finanzielle Hilfe für diese religiöse Einrichtung zu suchen. Die ersten Kontakte der algerischen Fundamentalisten mit den Saudis sind wahrscheinlich auf diese Initiative des für seine antisozialistische Überzeugung bekannten Obersts Abdelghani zurückzuführen.

 

Um seine Auslegung des Korans aufzuzwingen, musste Boumedienne jedoch die Moscheen vom Staat streng kontrollieren lassen. Die Imame wurden von der Regierung ernannt und von der Regierung bezahlt. Sie waren von der Bevölkerung als Staatsbeamte angesehen. Ihre Freitagspredigten wurden vom Kultusministerium verfasst. 1976 wurde der religiöse Privatunterricht verboten.

Eine der ersten Aufgabe, die sich die Fundamentalisten zum Ziel gesetzt haben, war es, sogenannte freie Moscheen - die meist illegal in den vernachlässigten Vierteln mit der finanziellen Hilfe der enteigneten Grundbesitzer gebaut wurden - zu fördern und die offiziellen Imame zu diskreditieren. Diese Aufgabe war nicht besonders schwierig: die offiziellen Imame waren zum größten Teil alte Männer, die weder die Theologie, noch das Koranarabisch gut beherrschten.

Darüber hinaus konnten die Fundamentalisten mit dem Wohlwollen der Beamte des „Ministeriums für religiöse Angelegenheiten“ rechnen. Zum ersten, weil sie selbst eifrige Verfechter der Verallgemeinerung der arabischen Sprache und des Kampfes gegen den als Überbleibsel der Kolonialzeit betrachteten Atheismus waren, zum zweiten, weil die Vermehrung von Moscheen es unmöglich machte, ein ausgesuchtes Personal für jede Moschee zu finden. Die Fundamentalisten stellten junge Imame zur Verfügung, die das Koranarabisch verhältnismäßig gut beherrschten und außerdem auf ihren Gehalt verzichteten.

Die Fundamentalisten konnten auch mit der Unterstützung der arabisierten Schüler und Stundenten rechnen, weil sie eine sofortige Arabisierung der Universitäten, der Verwaltung und der Staatsfirmen verlangten, deren Arbeitssprache bis heute noch vorzüglich Französisch ist. Die arabisierten Schüler und Stundenten fühlten sich von der Regierung betrogen, weil sie im Gegensatz zu den französisch gebildeten Studenten weder eine qualifizierte Arbeit noch eine Berufsausbildung beanspruchen konnten. Sie hatten auch durch ihre Bildung mehr Sympathie für die Ziele der Fundamentalisten als für die Weltanschauung der französisch gebildeten Studenten.

Es bildete sich also eine Heilige Allianz zwischen den Fundamentalisten, den Beamten des Ministeriums für religiöse Angelegenheiten und den arabisch gebildeten Studenten auf der einen Seite, und den Gegnern des Sozialismus innerhalb der Armee- und Parteiführung gegen die als Kommunisten oder Atheisten gestempelten französisch gebildeten Studenten.

Ab 1977 begannen die Fundamentalisten und die arabisierten Studenten Gebetsräume in den Universitäten zu verlangen. Es kam auch zu den ersten Zusammenstößen zwischen den Fundamentalisten und den Modernisten innerhalb der Universitäten und den Studentenwohnheime. Die Fundamentalisten organisierten regelrechte Strafaktionen gegen die „Atheisten“. Frauen, die Jeans oder kurze Röcke trugen, wurden auf den Straßen der Großstädten mit Rasierklingen und Schwefelsäure angegriffen. Gleichzeitig startete das Ministerium für religiöse Angelegenheiten eine Kampagne gegen den kulturellen Imperialismus. Gemeint war sowohl der westliche als auch der marxistische Einfluss. Diese Kampagne entsprach der Parole der Fundamentalisten.

1977 erkannte Boumedienne die Gefahr und beschloss eine Pause in seiner Arabisierungspolitik, solange die arabische Sprache sich nicht zu einer Sprache des Eisens und des Stahls entwickelt hatte.“ Der von Boumedienne ernannte Erziehungsminister Mostefa Lachraf sprach von einem katastrophalen Niveausturz in den Schulen und Universitäten des Landes und bemerkte, dass in der ganzen arabischen Welt weniger Bücher produziert werden  als in einem einzigen lateinamerikanischen Staat wie z.B. Venezuela. Die Entscheidung Boumediennes und die überraschenden öffentlichen Äußerungen seines Erziehungsministers stießen innerhalb der Einheitspartei auf eine harte Kritik der Panarabisten.

Nach dem Tod Boumediennes 1979 beschloss der Zentralausschuss der FLN die Verwaltung, die gesamte Wirtschaft und das Ausbildungswesen innerhalb von 5 Jahren zu arabisieren, d.h. Französisch durchgängig durch Hocharabisch zu ersetzen. Gleichzeitig unternahm die Polizei eine sogenannte Sittensanierungskampagne gegen westlich gekleidete Frauen. Um die fremden kulturellen Einflüsse zu bekämpfen, wurde die religiöse Propaganda überall verstärkt.

Es kam eigentlich zu einer inoffiziellen Allianz zwischen der Militärführung, den Funktionären der Einheitspartei und den Fundamentalisten gegen die von Boumedienne seit den siebziger Jahren tolerierten Mitglieder der PAGS (Kommunisten). Diese, weil sie die Einzigen waren, die sowohl im sozialen als auch im kulturellen Bereich die Politik Boumediennes vorbehaltlos unterstützten, hatten wichtige Positionen in den sogenannten Massenorganisationen (Jugend- Bauern und Arbeiterbund) errungen. Mit Säbeln, Messern und Eisenstangen gingen die Fundamentalisten unbehelligt gegen die Kommunisten und die Anhänger der Agrarreform vor.

Die Reaktion gegen diesen Kurs kam von denjenigen, die am stärksten betroffen waren: die Kabylen und die Frauen.

Während des als „berberischer Frühling“ bekannten Aufstands vom April 1980 in der Kabylei, forderten die Demonstranten u.a. das Ende der Zwangsarabisierung und der Unterdrückung der masirischen Kultur, die Freiheit des Wortes, die Wiederherstellung der historischen Wahrheit, die Demokratisierung des Regimes und die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau.

Die Einheitspartei, die noch das Monopol über die Medien hatte, startete gegen diese eindruckvolle Massenbewegung eine Verleumdungskampagne. Sie beschuldigten die Führer dieser Bewegung, sie seien Agenten des französischen Geheimdiensts. Es wurden auch Gerüchte verbreitet, nach denen die Demonstranten Exemplare des Korans verbrannt hätten. 1981 kam es zu der ersten Demonstration von Frauen, die gegen rückständige Bestimmungen eines Entwurfs des sogenannten „Familienkodex“ protestieren wollten. Der Staatschef Chadli Benjeddid verurteilte diese Demonstration und erklärte: „Einige Ideen, die angeblich für die Verteidigung der Rechte der algerischen Frau geäußert wurden, entsprechen keineswegs den Ideen der arabischen islamischen algerischen Frau“.

1984 wurde ein Familienkodex verabschiedet, der die Polygamie erlaubt und die Frauen ihr Leben lang für unmündig erklärt. Dieses Gesetzbuch war eigentlich eine Kehrtwendung des FLN-Regimes: ursprünglich gehörte die Befreiung der Frauen zu seinen erklärten Zielen.

Zwischen 1980 und 1986 gab es Annährungsversuche seitens des Regimes in Richtung der Fundamentalisten. Als die Regierung 1982 nach der Beendigung der Bauarbeiten am Hauptgebäude der großen Moschee von Constantine einen Leiter für diese Einrichtung ernennen sollte, hatte sich Präsident Chadli für einen angeblich aufgeschlossenen Fundamentalisten aus Ägypten entschieden. Dieser Imam hatte auch die Aufgabe, Theologie zu unterrichten. Während weltbekannte algerische Schriftsteller wie Kateb Yacine und Mouloud Mammeri keinen Zugang zu den algerischen Medien hatten, wurde Cheikh Imam El Ghazali, gleich zu einem Stammgast der Medien und konnte dazu freitags im Fernsehen predigen. Cheikh Imam El Ghazali wurde innerhalb einiger Monate zum Guru der arabisierten Studenten und Schullehrern, dies um so mehr als er das Koranarabisch viel besser als die algerischen Politiker und Imame beherrschte. Er wurde mehrmals in den  algerischen Staatszeitungen für seine internationale Ausstrahlung und seine Weisheit gelobt.

Seine Lehre beruht auf zwei Grundprinzipien:

·         Alles was die moderne Wissenschaft beinhaltet, befinde sich bereits im Koran. Deshalb sei die islamische Religion einmalig und den anderen Religionen überlegen.

·         Sowohl der Kapitalismus als auch der Sozialismus seien gescheitert. Die einzige taugliche Alternative sei eine islamische Republik. Dabei werden Kapitalismus und Sozialismus nicht als wirtschaftliche Systeme, sondern als Wertsysteme wahrgenommen. Der Kapitalismus wird mit dem Christentum gleichgesetzt. Der Sittenverfall, der Alkoholismus, die Pornographie in den kapitalistischen Ländern seien ein Zeichen der Mängel der christlichen Lehre. Deshalb sei die Erlösung der ganzen Welt nur durch den Islam möglich.

 

Die algerischen Fundamentalisten haben zwar von den Predigten Ghazalis wesentlich profitiert, sie haben sich jedoch von ihm politisch distanziert, weil er mit dem verhassten FLN-Regime zu eng verbunden war. Sie haben dabei ihr politisches Geschick und ihre Anpassungsfähigkeit gezeigt. In den achtziger Jahren hat sich auch ihr Diskurs den neuen Realitäten angepasst. Statt den Sozialismus anzugreifen, sprachen sie nunmehr eher von der Ungerechtigkeit. Sie beschimpfen vorzüglich die korrupten Machthaber und forderten die Auslösung von den französisch gebildeten Führungskräften, die sie als fünfte Kolonne Frankreichs bezeichneten, durch arabisch gebildeten Studenten. Mit den Geldern aus Saudi Arabien und dem Iran konnten sie Hilfswerke für die armen Viertel stiften.

Obwohl sie sich jedoch als die Führsprecher der Armen ausgeben, haben sie sich für einen Ultraliberalismus im wirtschaftlichen Programm ausgesprochen. Als Lösung für die ungeheuren sozialen Probleme Algeriens haben sie lediglich die folgenden Maßnahmen erwähnt:

·         Bekämpfung der Korruption durch die Beseitigung der Ungläubigen vom Machtapparat und ihren Ersatz durch gläubige Moslems.

·         Auflösung der Polizei und Gründung einer islamischen Miliz.

·         Rückkehr der Frauen in ihre traditionelle Rolle. Die Frauen, auch wenn sie über eine qualifizierte Ausbildung verfügen, müssten sich um ihre Kinder kümmern. So würden Arbeitsplätze für arbeitslose Männer geschaffen. Die Tatsache, dass weniger als 5% der Frauen arbeiten - die meisten als Schullehrerinnen, Hebammen oder Sekretärinnen - während die Arbeitslosigkeit mehr als 20% der Bevölkerung betrifft, wird nicht dabei berücksichtigt.

Die Fundamentalisten bauen jedoch viel mehr auf Demagogie und Obskurantismus als auf ein sorgfältig erarbeitetes Programm: bei Wahlversammlungen haben sie Laserstrahlen benutzt um in den Himmel den Namen Gottes zu schreiben. Die seit Jahren durch Fernsehsendungen manipulierten Jugendlichen haben tatsächlich geglaubt, dass es sich um ein Zeichen Gottes handelte. Niemand hat ihnen erklärt, dass es sich dabei um ein Lasergerät aus Amerika handelte.

Die Anpassungsfähigkeit der Fundamentalisten ist am deutlichsten währen des Golfkrieges erschienen. Obwohl sie bisher hauptsächlich von den Saudis und den Iranern unterstützt und finanziert wurden, haben sie eine hundertprozentige Kehrtwendung innerhalb von einigen Tagen gemacht, um sich der Stimmung auf den Straßen anzupassen. Während Abassi Madani noch in einer Moschee wie die Iraner Saddam Hussein als "Gendarm des Westens" bezeichnete, schimpfte Ali Belhadj, die No 2 der FIS auf die korrupten Wahabiten Saudi Arabiens.

Der Missbrauch der Technik im Falle der Laserstrahlen und ihre Anpassungsfähigkeit lassen ahnen, wie lange die Fundamentalisten an der Macht bleiben könnten, wenn sie an die Macht kämen und die ganzen Medien kontrollierten, dies um so mehr als sie ganz klar angekündigt haben, dass es keinen Platz für eine "westliche" Demokratie in einem islamischen Staat gibt.    

 

Dr. A. Ouamar (Vortrag, Dritte Welt-Haus, Frankfurt/Main 1993)