Adugalen: Sie kehren zurück (Lounès Aït Menguellet, CD 1998)

 

1.                 Wir kommen zu euch zurück

Aber erst wenn die Tragödie vorüber ist.

Denn verweilen wir unter euch,

So haben wir Angst „Ihr“ zum Opfer zu fallen.

Eines Tages kehren wir aber zurück,

Denn vor dem Schlafen gehen

Erinnern wir uns an alles.

Unmöglich ist es aber nicht,

Daß wir am nächsten Tag nach dem Aufstehen

Wir alles wieder vergessen werden.

 

2.                 Sagen die Menschen er ist geflüchtet

Und hat nur Sorge um sich, so antworte:

Wäre er da geblieben, wäre es sein Verhängnis

Und keiner wird sich an seinen Namen erinnern.

Sage die Menschen er ist geflüchtet, so antworte:

Er kämpft aus der Ferne

Denn wäre er geblieben, würde er sich aufopfern

Und er bekäme nur was er verdient.

 

3.                 Verzweifeln wir nicht vor den vielen Sorgen und Wut,

Denn aus dem Chaos kann Weisheit hervorgehen.

Glauben wir die Heilwirkung der Zeit,

So könnte morgen uns bessere Tage versprechen.

Wir werden durch Lüfte und über Meere reisen

Und kehren bei ruhigen Tagen zurück.

Wir werden Glück haben und vieles erleben

Daß auch die Augen sich voll davon saugen.

Wir kehren mit reinen Gewissen und blankem Gedächtnis zurück

Vergessen haben wir alles, ja sogar die Ermordeten!

Gelegentlich einmal im Jahr beweinen wir sie

Und legen einen Blumenstrauß auf ihre Gräber.

 

4.                 Ihr seid nicht weggegangen, um euer Brot zu verdienen

Geschweige denn, weil zum Exil gezwungen.

Ihr überläßt das Land 1) den Chaoten,

Und die Misere den Tapferen.

Einer verreiste mit einem einzigen Gepäckstück

Ein anderer, nicht zu beneiden, vergaß sogar seine Kinder!

Der nächste desertierte ohne jeglichen Grund.

Oh Du Aberwaq 2), die Zeit drängt,

Der Augenblick der Trennung ist gekommen!

 

5.                 Wer von uns mag Honig 3) nicht?

Aber wieviele nehmen Bienenstiche in Kauf?

Wer risqiert mit blanken Händen

Eine Silberbrosche aus dem Feuer herauszunehmen

Außer demjenigen, der bereit ist, sich die Hand zu verbrennen.

Rosen sind noch schöner ohne Stacheln,

Das Land schöner ohne Wut, Kummer und Sorgen.

Der es verläßt und glaubt dabei durchzublicken

Erklärt so seinen Abgang:

Er sei unentbehrlich, auf ihn kommt es darauf an!

Der belehrt uns Besseres,

Und bereichert sich im Schatten der Tragödie.

Aber Tirrugza 4) braucht keine Angeberei

Sie ist keinem angeboren.

Und nicht auf dem Souk 5) zu kaufen.

 

Ein anderer entschied sich zu bleiben,

Um seinem kranken Land beizustehen.

Der andere nahm vom Land Abschied

Und wartet auf seine Genesung.

Wer von beiden Recht hat und wer nicht?

Das ist einfach nur eine Art darüber zu reden

Denn im Grunde ist jeder verantwortlich für seine Taten.

 

                                                                                  Lounis Aït Menguellet

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1) Algerien

 

2) In diesem Zusammenhang bedeutet Honig: Leckerei, Süßigkeit.

 

3 Grüne Pflanze mit gr0ßen Blättern. Sie wird als Grenzmarkierung in der Kabylei benutzt.

 

4) ) Das Wort hat eine vielfältige Bedeutung und Anwendung. Es wird unter anderem benutzt, um folgendes zum Ausdruck zu bringen: Ehre, Mann sein, Ehrfurcht, Ehrlichkeit, Mut und Tapferkeit. Was es denn davon genau bedeutet, hängt vom Kontext ab.

 

5) Markt, wo fast alles zu kaufen ist.