Tiddukla n Tmezga

Masirischer Nordafrika Verein e. V.

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Mouloud Mammeri: Schriftsteller, Grammatiker und Ethnologe.

 

Es gibt keinen algerischen Autor, der gleichzeitig geehrt und diffamiert wurde, wie Mouloud Mammeri. Geehrt wurde Mammeri vom eigenen Volk, von Schülern und Studenten, aber auch von einfachen Leuten, die meistens nie einen Roman von ihm gelesen haben.

Kritisiert und diffamiert wurde er von Ideologen der nationalistischen Bewegung und später - nach der Unabhängigkeit Algeriens 1962 - von den Staatsmedien. Die einzige Erklärung für dieses außergewöhnliches Schicksal ist seine Leidenschaft für seine Muttersprache (Masirisch) und für die masirische mündliche Literatur, denen er sein Leben gewidmet hatte.

 

Diese Leidenschaft hatte er als Kind von seinem Vater geerbt, der zu einer langen Kette von Imusnawen (Weisen auf masirisch) gehörte. In der traditionellen masirischen Gesellschaft bezeichnet der Titel  Amusnaw (Pl. Imusnawen) eine Person, die wegen ihrer Beherrschung der kabylischen Dichtung und deren Weisheit allgemein bekannt war. Der Amusnaw verfügte über weltliche Kenntnisse, im Gegensatz zum Marabut, der für religiöse Angelegenheiten zuständig war. Im Gegensatz zum Marabut-Status, wurde der Titel Amusnaw nicht geerbt, sondern erworben.

Mammeri wurde 1917 in dem Dorf Taourirt Mimoun in der Kabylei geboren. Der Vater von Mammeri war von Beruf Waffenschmied. Seine Werkstatt war besonders im Winter ein Treffpunkt für die Dorfbewohner, hauptsächlich Bauern, die in der Winterzeit müßig waren. Bei solchen Treffen war Dicht- und Redekunst Gegenstand eines regelrechten Wettbewerbs. Der kleine Mouloud Mammeri war auch oft dabei, dies um so mehr als sein Vater ihn gezielt in die kabylische Dichtung einführen wollte. Der Vater war - laut Mammeri - die einzige Person seiner Generation, welche die mündlich tradierte Literatur eingehend kannte. Mouloud Mammeri erinnerte sich mit Sehnsucht an diese „erste Schule“, die er Anfang der 20. Jahre - noch vor der französischen Schule besucht hatte.

Sein Vater, der selbst in die französische Schule ging, schätzte auch die französische Kultur und wollte, dass der kleine Mouloud die französische Sprache lernt.. Er schickte ihn zu seinem Onkel in Marokko, wo er das französische Gymnasium besuchen konnte. Die Konfrontation mit der französischen, und der universalen Kultur, hatte er - im Gegensatz zu mehreren Kollegen - nicht als Entfremdung, sondern als Bereicherung empfunden. Diese Haltung, die er ständig wiederholt hatte, machte ihn nicht besonders beliebt bei den konservativen Kreisen des Regimes.  Nach seinem Abitur in Algier studierte er Altgriechisch  und Latein in Paris. Sein Studium wurde jedoch vom zweiten Weltkrieg  unterbrochen.. 1939 wurde er mobilisiert, einberufen und ein Jahr später - nach der Niederlage der französischen Armee - entlassen. Er wurde jedoch  1943 nach der Landung der Amerikaner in Nordafrika nochmals wie Tausende  Algerier mobilisiert, um Frankreich von der deutschen Besatzung zu befreien. Er nahm an den Feldzügen der Alliierten in Italien, Frankreich und Deutschland teil. Diese Periode zwischen der ersten und der zweiten Mobilisierung nimmt einen wichtigen Platz in seinem ersten Roman "Der vergessene Hügel ein. Nach dem Krieg konnte er sein Studium abschließen und eine Karriere als Französischlehrer in Algier (Lycée de Ben Aknoun ) anfangen.

Sein erster Roman  "Der vergessene Hügel“(1) erschien 1952. Der Roman wurde gleich in Paris durch den Preis "Prix des quatre Jurys"  ausgezeichnet.  In  Algerien dagegen löste er Zorn und Misstrauen aus bei den Intellektuellen der nationalistischen Bewegung,  Mostefa Lacheraf und Mohammed Sahli u.a..

 

"Der vergessene Hügel" ist hauptsächlich eine Analyse einer Dorfgemeinschaft vor und zu Anfang des zweiten Weltkrieges, wie sie der Autor selbst erlebt hatte. Das Dorf wird von einem unheilvollen Wind heimgesucht: der Boden ist zu knapp und die Jungen müssen auswandern. Die Dorfbewohner sind ratlos, dies umso mehr, als die Ursache des Übels unerklärlich scheint. Während einige erstarrte Sitten (Macht der älteren, sexuelle Tabus, Racheakte) noch lebendig bleiben, werden positive Werte wie  Solidarität und Würde der Menschen durch die zunehmende Bedeutung des Geldes verdrängt. Die Frauen, die schon vor de Pubertät von den Jungen getrennt werden, müssen, sobald sie verheiratet sind, in das Haus der Schwiegereltern umziehen.  So hängt das Verhältnis der jungen Frau zu ihrem Mann vom ihrem Verhältnis zur Schwiegermutter ab.  Die Hauptaufgabe der Ehefrau ist es, den Nachwuchs der Familie zu sichern.  Sollte eine Frau, weil sie steril ist, den Nachwuchs nicht sichern können, ist die Eheschließung unwirksam. In "Der vergessene Hügel" wird der Held von seiner Mutter beinahe dazu gebracht, die Verstoßung seiner geliebten Frau fatalistisch hinzunehmen, weil diese der Sterilität verdächtigt wird.

Auch die Modernität scheint keinen Zusammenhang mit der Realität in den Dörfern der Kabylei zu haben. Während des zweiten Weltkrieges kehrten Tausende ausgewanderte junge Männer in die Dörfer zurück. Die meisten kamen von Frankreich und Belgien, einige aber von arabischen Ländern.  Es wurde plötzlich klar, wie die Dorfgemeinschaft eigentlich zersplittert ist. Um dies zu veranschaulichen, stellte Mammeri einen Vergleich zwischen den fremden Kostümen und den genauso importierten Ideen an ((1), Seite 61)

Der Krieg und die deutsche Besatzung haben fast alle jungen Männer nach Tasga zurückgebracht. Die Vielfalt der Kostüme war nur ein Hinweis auf die Vielfalt des Gedanken. Jeder suchte den Weg, der zum Heil führen konnte: "Es gab diejenigen, die ehemalige Größe des Islams noch vage in Erinnerung hatten. Sie träumten davon, diese Größe mit neuen Mitteln wiederherzustellen. Es gab diejenigen, die in den französischen Fabriken mit französischen Arbeitern gearbeitet haben und die von einer Vereinigung aller Proletarier der Welt jenseits der Staatsgrenzen träumten. Es gab diejenigen, die an gar nicht dachten, und es gab diejenigen, die Geld anhäuften“.

Angesichts dieser Betrachtungen, die eigentlich zeigten, dass die nationalistische Bewegung keine reife Ideologie entwickelt hatte, und noch schlimmer, dass sie sich auf gegensätzliche Werte berief, war der Zorn der Ideologen der künftigen FLN nicht erstaunlich.

 

Sein zweiter Roman  "Le sommeil du juste"(2) (°Der Schlaf des Gerechten") erschien ein Jahr später, d.h. kurz vor dem Befreiungskrieg der Algerier gegen Frankreich. Dieser Roman, der auch von seiner Erlebnissen in der französischen Armee während des 2. Weltkriegs erzählt, ist teilweise eine Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus und der Heuchelei des abstrakten französischen Humanismus in der Kolonialsituation, aber auch mit den negativen Aspekten der traditionellen Kultur, vor allem mit der Absurdität der Racheakten. Deswegen wurde dieser Roman von Ideologen der Nationalbefreiungsfront FLN als Schritt in Richtung der algerischen Nationalisten und als Zeichen der Bewusstwerdung angesehen.

Nach der Unabhängigkeit Algeriens 1962 wurde Mammeri zum Leiter des Forschungszentrums für Anthropologie, Prähistorie und Ethnologie (CRAPE) an der Universität von Algier ernannt. Er musste unter schwierigen Bedingungen arbeiten, da die Intellektuellen des Regimes Anthropologie und Ethnologie für koloniale Wissenschaften hielten. In der Universität wurden diese Fächer verboten. Die Machthaber, die von Anfang an die Arabisierung des Landes anstrebten, übten Druck auf die Intellektuellen aus, um sie dazu zu bringen, auf Hocharabisch zu schreiben. Da sie Algerien in die arabische Nation eingliedern wollten, betrachteten sie nicht nur den Gebrauch der französischen Sprache, sondern den Gebrauch der Volksprachen - sowohl Masirisch als auch algerisches Arabisch - als Überbleibsel der kolonialen Demütigung. Aus demselben Grund und angeblich um die nationale Einheit Algeriens zu bewahren, war ihnen die Geschichte Algeriens verdächtig. Da sie jedoch die Anthropologie und die Ethnologie genauso verachteten wie die Volkssprachen, hielten sie es nicht gleich für nötig, das Forschungszentrum zu schließen, vielleicht weil es Teil eines von europäischen Touristen geschätzten Museums war. Mammeri nutzte diese Gelegenheit aus, um sich intensiver mit der mündlichen Literatur zu beschäftigen.. Die Ergebnisse eines Teils seiner Arbeit wurden später unter dem Titel "L’ahellil du Gourrara" (3) veröffentlicht.

Seine Werke über  den Befreiungskrieg, der Roman  "L’Opium et le bâton" (4) ( 1965) und das Theaterstück "Le Föhn" (5) weckten keine besondere Aufmerksamkeit. "L’opium et le bâton" wurde erst 1969 nach seiner Verfilmung bekannt.

 

Dagegen war seine zweisprachige Sammlung der Gedichte des Meisters der kabylischen Dichtung Si Muhend U M’hend (6) in der Originalsprache (Masirisch) und einer  französischen Übersetzung zweifellos ein wichtiger Meilenstein der masirischen Bewegung und der Anfang einer zweiten Karriere für Mammeri. Bisher hatte Mammeri, wie alle bedeutenden algerischen Schriftsteller, auf Französisch geschrieben: Seitdem hat er, mit einigen Ausnahmen - seine ganze Energie der Erforschung und Wiederbelebung der masirischen Sprache und Kultur gewidmet. 1976 veröffentlichte er eine Grammatik der masirischen Sprache Tajarumt N’tmazight (7). 1980 folgte eine Sammlung von Altkabylischen Gedichten. Diese Sammlung gab Anlass zum Aufstand von April 1980 in der Kabylei, nachdem die Regierung versucht hatte, eine Lesung dieser Gedichte in der Universität von Tizi -Ouzou zu verhindern.

Die Unterdrückung, die auf diese Demonstrationen folgte, führte Mammeri dazu, sich in Paris niederzulassen, wo er die Zeitschrift Awal (8) ( Das Wort) 1985 gründete. Er führte ununterbrochen seine wissenschaftliche Arbeit fort, bis zu seinem Tod in einem vielleicht organisierten Verkehrsunfall 1989 in Algerien, als er aus einer Arbeitsreise aus Marokko zurückfuhr.

 

Dr. A.Ouamar