Traditionelle Kultur und Entwurzelung in Nordafrika:

Islam, Agrarriten und Marabut

 

Die heutige Identitätskrise, die ganz Nordafrika betrifft, ist ohne eine Analyse des Niedergangs des alten Wertsystems nicht zu verstehen.

Die Agrarriten sind ein wichtiger Bestandteil der nordafrikanischen traditionellen Kultur. Sie gehören zu einer magisch-religiösen  Weltanschauung, die der Christianisierung (1.bis zum 6.Jh.) und der Islamisierung (ab dem 7. Jh.) überlebt hat.

Im 19. und 20. Jh. haben jedoch diese Riten - sowie ganz allgemein die traditionelle Kultur - an Boden verloren.

Die Urbevölkerung Nordafrikas

Die weiße Bevölkerung des nördlichen Teils des afrikanischen Kontinents ist eine einheimische Bevölkerung. Nach dem  Archäologen Gabriel Camps befindet sich der größte Teil dieser  Bevölkerung seit 9000 Jahren auf dem nordafrikanischen Boden.

Der Sprachwissenschaftler Werner Wycichl betrachtet die Sprache dieser Bevölkerung - die berberische Sprache - als die älteste noch lebendige Sprache im Mittelmeerraum. Die Berber verfügten über eine eigene Schrift, die libysche Schrift, die heute noch von den Tuareg benutzt wird. Nach Wicychl ist die festgestellte Verwandtschaft der berberischen Sprache mit der hamito-semitischen Sprachgruppe auf späte Entlehnungen zurückzuführen: es gäbe grammatische Entlehnungen aus der hamitisch-semitischen Sprachgruppe, die einen älteren Wortschatz überdeckten.  Zur hamitischen Sprachgruppe gehören Altägyptisch, Kuschitisch (Südlich von Ägypten: Bedja, Galla. Somali, Saho), die tschadischen Sprachen (Haussa u.a.) und Masirisch.   

Die Urbevölkerung Nordafrikas ist also von der Geschichte und der Kultur her, ein afrikanisches Mittelmeervolk.

Da das Wort Berber von der abschätzenden Bezeichnung „Barbaren“ hergeleitet wurde, und da die Berber sich selbst „Imasiren“ (Pl. von „Amasir“) nennen, werde ich nunmehr die heute von berberischen Intellektuellen gebrauchte Bezeichnung Masiren("A" und "I"  sind sing. und  pl.-Artikel) und masirische Sprache benutzen. 

Die römische Herrschaft

Die masirische Bevölkerung wurde sehr früh mit Völkern und Hochkulturen des Mittelmeerraums konfrontiert.

814 vor Christus haben die Phönizier die Hafenstadt Karthago im heutigen Tunesien gegründet. Es entwickelte sich um diese Hafenstadt eine eigenständige masirisch-phönizische Kultur, die später punische Kultur genannt wurde. Diese Hochkultur hat sieben Jahrhunderte lang einen bestimmten Einfluss ausgeübt.

Die Römer haben Nordafrika (von 146 vor Christus bis zum 4. Jahrhundert) 5 Jahrhunderte lang besetzt. Und  verwandelt. Zu dieser Zeit war Nordafrika zum Kornkammer Roms geworden. Die Gesellschaft war streng hierarchisiert und den Großgrundbesitzern untergeordnet. Die römische Herrschaft war jedoch nicht unumstritten: zum ersten gab es zahlreiche Aufstände, besonders im Westen, zum zweiten konnten die Römer die Bergregionen nicht unterwerfen, wie die von Archäologen festgestellte Spuren „interner“ Schutzmauern - d.h. Schutzmauern innerhalb des römischen Herrschaftsgebiets - es bekunden.

Die Verbreitung des Christentums im 1. Jh. hat  die Grenzen des römischen Herrschaftsgebiets überschritten. Darüber hinaus hat das nordafrikanische Christentum masirische Züge übernommen, wie z. B. die Verehrung von zahlreichen einheimischen Märtyrern oder das gemeinsame Essen von Eiern - ein Symbol der Auferstehung - bei Beerdigungen. Im 4. Jahrhundert kam es zu einer Spaltung des nordafrikanischen Klerus und zum Aufstand der sogenannten Donatisten. Die Anhänger des heiligen Donatus waren gegen die offizielle Kirche und waren von einheimischen armen Bauern unterstützt. Dagegen war die offizielle Kirche hauptsächlich von den Römern und den Großgrundbesitzern unterstützt. 

Offizieller Grund für diesen sozialen Kampf, die dem Zusammenbruch des Römischen Reiches überlebte und bis zur Ankunft der Araber im 7. Jahrhundert andauerte: die Donatisten haben autoritäre Entscheidungen der klerikalen Obrigkeit sowie die Einmischung des römischen Kaisers in den Angelegenheiten der Kirche abgelehnt.

Die Islamisierung und Teilarabisierung Nordafrikas

Mit der Islamisierung ab dem 7. Jahrhundert begann für die Masiren der Prozess einer tiefgreifenden Akkulturation. Zum Ersten, weil der Koran als Gottes unerschaffenes Wort nicht übersetzt werden durfte, zum zweiten, weil die islamische Religion sehr stark von arabischen Ethnozentrismus geprägt ist. Erst nach einem Aufstand, der - 50 Jahre nach der Eroberung - der arabischen Vorherrschaft ein Ende setzte, gab es Versuche den Islam der masirischen Kultur anzupassen oder sogar eine neue Religion zu gründen. Diese Versuche scheiterten jedoch, weil einige masirischen Sippen die  Führung der ganzen westlichen islamischen Welt (Nordafrika und Spanien) beanspruchten und deshalb alle Abweichungen vom orthodoxen Islam bekämpften.

Die politische Durchsetzung der islamischen Orthodoxie nach dem 11. Jahrhundert sollte dauerhafte Konsequenzen hinsichtlich der Verdrängung der masirischen Identität und der Verbreitung der arabischen Sprache haben. Viele Züge des heutigen Nordafrikas  (Geschlechtertrennung, Verschleierung der Frauen, strikte Befolgung der koranischen Gebote bezüglich der Nahrungsmittel und des Fastens, Ausrottung des Christentums) seien auf den Puritanismus der Almohaden zurückzuführen, die im 12 und 13.Jh. die ganze islamische Welt westlich von Ägypten unter ihrer Herrschaft vereinigten. Obwohl sie Masiren waren, haben die Almohaden nicht einen Nationalstaat; sondern einen islamischen Gottesstaat angestrebt. Ihre Legitimität wurde deswegen sowohl von masirischen Aufständischen als auch von orientalischen Herrschern bestritten. 

Die Rolle der Marabut

Am Anfang der Kolonialzeit im 19.Jh. kontrollierten die  Zentralregierungen fast nur die Städte und die  von arabischen oder arabisierten Stämmen bewohnten Ebenen. Die masirischen Stämme oder Dorfrepubliken - wie z.B. in der Kabylei - waren zwar autonom, aber in unzugänglichen Regionen der Berge und der Wüste zerstreut. Was die Religion angeht, gab es ein deutlicher Unterschied zwischen der städtischen Bevölkerung ( die zu dieser Zeit ca. 10% der Gesamtbevölkerung ausmachte) und der Landbevölkerung. In den Städten sorgten die islamischen Gelehrten, die sogenannten Ulema, für die Befolgung des orthodoxen Islams. Auf dem Land dagegen waren Magie, exstatische Tänze, Verehrung von lokalen Heiligen, den sogenannten Marabut, kennzeichnend.

Die Abweichung vom orthodoxen Islam gilt besonders für die masirischen Stämme und Dorfrepubliken. Soweit diese ihre Sprache und kulturelle Identität bewahren wollten, mussten sie sowohl gegen die Ansprüche der theokratischen Zentralregierungen als auch gegen die entfremdende Wirkung des Islams Widerstand leisten. Deshalb spielten die Marabut in den masirischen Regionen eine besonders wichtige Rolle: als Vermittler zwischen verfeindeten Gruppen - weil es keine Staatsstrukturen gab - und auch zwischen den Zentralregierungen und den masirischen Volksgruppen. Sie waren auch als religiöse Autorität anerkannt. Die Marabut sind jedoch mehr als nur religiöse Führer. Als Nachkommen von berühmten Heiligen, deren Grabmal in der Nähe des Dorfes oder innerhalb des Stammesgebiets liegt, verfügen die Marabut über magische Kräfte und beschützen die Gemeinschaft. Archäologen haben festgestellt, dass die in ganz Nordafrika zerstreuten Grabmälerer islamischer Heiligen eigentlich häufig auf einem Grabmal aus der vorislamischen Zeit gebaut wurden. Im Gegensatz zu den „Ulema“, - den islamischen Gelehrten -  die alle Abweichungen vom rechten Glauben verurteilten, versuchten die Marabut, sei es nur formell,  die masirischen Sitten mit der islamischen Lehre in Einklang zu bringen. Deshalb werden viele masirische Gebräuche der Islamischen Tradition zugeschrieben.

So schreibt der Soziologe Pierre Bourdieu in einer Studie über die Agrarriten in der Kabylei: „es ist an dieser Stelle unmöglich in ein tiefgreifendes Studium der Überschneidungen zwischen Berber-Erbe und islamische Zusätzen zu treten. Überschneidungen, die gerade beim Agrarkalender sehr viel klarer hervortreten als in jedem anderen Bereich, so in der Vermischung von berberischer und islamischer Festtradition (erster Tag des Jennayer und Aschura usw.), die durch die doppelte Referenz auf den Berberkalender und den Hidschra-kalender begünstigt wird, oder auch in der Neuinterpretation der traditionellen Riten (Regenriten usw..) im Rahmen der Logik und Sprache des islamisches Gebetes.“  .  

Die nordafrikanischen Agrarriten

Die Agrarriten bezwecken hauptsächlich die Begünstigung der Fruchtbarkeit. Sie dienen auch dazu, die Solidarität zwischen den Mitgliedern einer Gemeinschaft zu befestigen. Einige haben auch die Funktion, die als gefährlich betrachteten Übergangsperioden von einer Jahreszeit zu einer anderen zu erleichtern. Es sind magische oder symbolische Riten, die zweifellos mit dem seit eh und je in ganz Nordafrika verbreiteten Ahnenkult in Verbindung stehen. Wie in anderen Mittelmeerländern spielen dabei die Opfergaben und die Beschwörung der Gunst der Geister oder der Verstorbenen eine wichtige Rolle.

Bourdieu unterscheidet zwischen privater Magie, der wie die Heilungs- und Liebesmagie z.B. für Privatzwecken benutzt wird und den Riten der kollektiven Magie, die wie die Agrarriten die gesamte Gemeinschaft einspannen. Während die private Magie den alten Frauen und den Schmieden, die eine spezifische Außenseiterposition innerhalb der Gruppe haben, überlassen wird, liegt das Wissen über die Riten der kollektiven Magie  in den Händen der einflussreichsten Männer der Gruppe, meist in den Händen der ältesten Männer der geachteten Familien.

Die Agrarriten hängen vom Agrarkalender ab.  

Das Agrarjahr beginnt im Herbst. Diese wichtige Jahreszeit beginnt je nach den Gebieten zwischen dem 15. August und dem 1. September. Der Tag, an dem der Herbst beginnt, wird auf masirisch „Tabburt Ussegwas“, d.h. „die Pforte des Jahres“ genannt. Es ist der Eintritt in die feuchte Periode. Der Herbst ist überall in Nordafrika als die Jahreszeit der Fülle, der Freude und des Segens angesehen. Zum im Sommer geernteten Korn kommen Feigen, Trauben, Melonen, Kürbisse, frische Gemüse hinzu. In der Kabylei gehen Sänger vom Dorf zu Dorf um satirische Lieder mit obszönen Anspielungen zu singen. Nach dem Ethnologen Jean Servier ist die Assoziation von Fruchtbarkeit und Obszönität eine Konstante in der Weltanschauung der Mittelmeervölker. Die Anspielung auf die Sexualität soll die Fruchtbarkeit beschwören. 60 Tage nach dem Beginn des Herbstes wird die Zeit der Feldbestellung für eröffnet erklärt. Dabei werden kollektive Ackerböden des Stammes oder des Dorfes unter Familienoberhäuptern, die über ein Ochsengespann verfügen, für ein Jahr verteilt. Die Eröffnungszeremonie der Feldarbeit ist wie in anderen Mittelmeervölkern Anlass zur Erneuerung und Bekräftigung des Solidaritätspaktes zwischen den Sippen, die sich auf den selben Ahn berufen. Der Pakt betrifft nicht nur die Lebenden, sondern auch die Verstorbenen, deren Seele die Felder vom Unheil beschützen. Diese Unsichtbaren können auch in bestimmten Orten (z.b. bei bestimmten Bäumen, Felsen oder Brunnen) beschwört werden. Die Erneuerung des Paktes wird durch das Schlachtopfer eines gemeinsam gekauften Ochsen symbolisiert, dessen Fleisch an alle Mitglieder der Gemeinschaft verteilt wird.   

Früher waren die Ochsen  mit einem Beil im stehen getötet. Nach und nach hat sich jedoch die islamische Art Tiere durch Abschneiden des Halses zu töten, durchgesetzt.

Die Beile die früher für das Opfer der Ochsen benutzt wurden, waren noch vor kurzem in mehreren Dörfern zu sehen.

Der erste Ausgang des Ochsengespannes, das Pflügen der ersten Furche werden mit besonders sorgfältigen Zeremonien begleitet.

Zunächst wird die erste Furche von einem sogenannten Agrarkönig - es handelt sich um eine angesehene Persönlichkeit des Dorfes oder des Stammes, der manchmal eine besondere Kleidung trägt - gepflügt. Diese Zeremonie soll an den gemeinsamen Ahn erinnern, der den Acker urbar gemacht hat. Sie wird auch häufig mit Heiratszeremonien assoziiert.

Danach wird der Agrarkönig von allen Familienoberhäuptern nachgeahmt.

Bei dieser Zeremonie wird zunächst eine Opfergabe vor der Pflugschar niedergelegt oder gebrochen. Die Opfergaben sind meistens trockene Feigen, Granatäpfel, Eier oder Fladenbrot. Es gibt andere Varianten, je nach der Region: der Landwirt  zerbricht zwei Granatäpfel und bricht einige Fladen und Krapfen über der Pflugschar. Die Opfergaben werden in der ersten Furche vergraben. In der selben Zeit werden Opfergaben - meist Feigen oder Pfannkuchen - an Unbekannte gespendet, weil man davon ausgeht, dass diese Unbekannten Geister sein können, die sich in dem Gestalt von Menschen verwandelt haben.

Die Verbindung zwischen der Fruchtbarkeit der Menschen und der Fruchtbarkeit der Acker wird durch bestimmte Gebräuche angedeutet: z.B. wird das Saatkorn unter dem Ehebett aufbewahrt. Darüber hinaus gibt es Parallelen zwischen häuslichen Riten und Agrarriten. Der Herbst ist nicht nur die Jahreszeit der Feldbestellung, sondern auch der Heirat. Beim Pflügen der ersten Furche trägt in mehreren Regionen die Frau des Pflügers eine Öllampe auf dem Kopf. Die selbe Lampe wird bei der Heiratszeremonie von der Braut auf den Kopf getragen. „Wenn die Frauen an den eigentlichen Agrarriten beteiligt sind, so ist es wiederum die Entsprechung zwischen Fruchtbarkeit des Bodens und menschlicher Fruchtbarkeit, als Modell der Fruchtbarkeit überhaupt, die ihren rituellen Handlungen begründet und ihnen ihre magische Wirksamkeit verleiht“ schreibt Bourdieu.

Die selbe Symbolik kommt zutage bei einem Regenritus, der nicht nur in Nordafrika, sondern auch in Osteuropa und in östlichen Mittelmeerländern verbreitetet war: eine, als Braut verkleidete Puppe - in Nordafrika ist die Puppe meist nur ein Löffel aus Holz -, wird von einer Gruppe von Kindern von Haus zu Haus getragen. Dabei werden Lieder gesungen, die mit deutlichen Anspielungen den Wunsch äußern, dass die Braut durch den Himmel befruchtet wird. Die Puppe heißt auf masirisch „Tislit bwanzar“ d.h., die Braut des Regens. Bei den Arabophonen heißt sie einfach „boughondja „ der Löffel“.

Die Zeit der Feldbestellung wird mit mehren Tabus begleitet. So z.B. darf kein Feuer aus dem Haus getragen werden, die Wohnräume werden nicht gefegt, „um den Überfluss nicht zu vertreiben“ usw.

 

Der Winter beginnt je nach den Gebieten zwischen dem 15 November und dem 1. Dezember ohne besonderer Ritus, was darauf hinweisen könnte, dass der Gegensatz zwischen Herbst und Winter wenig ausgeprägt ist. Im Gegensatz zum Herbst, wird der Winter nicht als ganzes, sondern als eine Mosaik unheilbringender Perioden angesehen. Zu den gefährlichsten Perioden, gehört eine Periode, die auf masirisch Timgharine (die alten Frauen) heißt. Dise Bezeichnung bezieht sich  auf die Übergangsperiode vom Winter zum Frühling. Das Zentrum oder das Herz - wie man in Nordafrika sagt - des Winters dauert bis Ende Januar. Das Ende dieser Zeit wird durch das rituelle Fest der Abtrennung von yennayer markiert. Danach beginnt die Zeit der Eröffnung, weil die ersten Zeichen des Lebens sich auf der Erdoberfläche zeigen. Auf den Feldern werden Zweige des Oleanders aufgepflanzt. Der Oleander hat die Macht Engerlinge, d.h. Larven des schädlichen Blatthornkäfers, zu vertreiben.

Im April beginnt der Frühling „Tafsut“: Die schlechte Zeit hat ihr Ende gefunden. Überall werden die Arbeiten wieder aufgenommen. Ab Mitte Mai werden jedoch neue Verbote strikt befolgt. So z.B. ist es verboten die Bäume zu beschneiden, Hochzeiten zu feiern, Häuser mit Kaolin zu weißen, den Webstuhl aufzustellen usw.. Alles was den Pflanzenwuchs beinträchtigen oder die Verstorbenen ärgern könnte wird ausgelassen aus Furcht davor, Sterilität und Trockenheit zu beschwören. Diese Maiperiode, die von den Römern, die sie mens maiorumn nannten auch befürchtet war, ist eigentlich  eine Übergangsperiode vom Frühling in den Sommer. Man kümmert ausschließlich um die heranreifende Ernte.

Der Niedergang der Agrarriten

Zum Niedergang der Agrarriten haben mehrere Faktoren beigetragen. Zunächst die französische Kolonisation. Die Franzosen haben Algerien 1830 erobert. Im Gegensatz zu Marokko und Tunesien, die viel später besetzt und indirekt verwaltet wurden, wurde Algerien  bis 1962 zur Siedlungskolonie verwandelt. Um Agrarböden den europäischen Siedlern zur Verfügung zu stellen, haben die Franzosen die Einheimischen enteignet und die kollektiven Böden der Stämme und der Dörfer beschlagnahmt. Dabei haben sie das soziale Gefüge zerstört und aus den Bauern billige Tagelöhner gemacht. Sowohl in Algerien als auch in Marokko haben die Franzosen und die Spanier in Nordmarokko - meistens zum ersten mal in der Geschichte - die Autonomie der masirischen Zufluchtgebieten zerstört. In Algerien zugunsten der Kolonialherren, in Marokko zugunsten der Monarchie. Dabei kam es, hauptsächlich in der Kabylei, zu einer massiven Auswanderung nach Frankreich, um dort Arbeit zu finden...      

Nach der Unhabhängigkeit der nordafrikanischen Staaten in den 50er und 60er Jahren haben die Zentralregierungen, die algerische Regierung insbesondere, die Landflucht absichtlich oder durch ihre Untätigkeit begünstigt. Darüber hinaus haben sie die Erziehungs- und Kulturpolitik den Ulema überlassen. Wie  schon erwähnt, betrachten die Ulema alle Abweichungen vom orthodoxen Islam als Frevel, die mit allen Mitteln bekämpft werden müssen. Die potkolonialen nordafrikanischen Regierungen haben den Ulema moderne Mittel - Schule, Rundfunk, Fernsehen, Zeitungen zur Verfügung gestellt. In Algerien wird sogar die Polizei häufig eingesetzt, um das offizielle Erziehungssystem zu unterstützen, das auf zwei Säulen beruht: Arabisierung und  Durchsetzung der islamischen Orthodoxie.

Literatur

 

Jean Servier: Tradition et civilisation berbère, les portes de l'année, Paris 1985

Pierre Bourdieu: Esquisse d'une théorie de la pratique, précédée d'études d'ethnologie kabyle, Genf, 1972 (dt. Entwurf einer Theorie der Praxis, Frankfurt/M. 1979